Wälder bei Parzcew II
Käte
Wälder bei Parzcew III
Einschreibung
Zellenbau, Ravensbrück
Paul
Butowski Poligon
Kippmoment
Kaderakten
Gekentert
Enkelkind
Diese Bilder sind an Orten entstanden, an denen diese Geschichte stattgefunden hat, und an Orten, an denen sie aufbewahrt wird: Archive, Landschaften, Gedenkstätten. Manche Bilder zeigen, was da ist. Andere greifen ein oder werden neu zusammengesetzt. Nichts davon ist abgeschlossen. Die Ordnung dieser Bilder ist ein Nebeneinander. Ein Tasten. Ein Aushalten, denn diese Geschichte war für mich nie etwas, das man sich aneignet. Ich bin mit ihr aufgewachsen. Sie war da, bevor ich wusste, was Geschichte überhaupt ist. Sie war hell, eindeutig, sinnvoll. Eine Erzählung, in der kein Zweifel vorgesehen war. Sie hatte etwas Märchenhaftes – nicht als Lüge, sondern als System, und ich war ein Teil davon. Erst später begann sie zu kippen. Bilder hielten nicht mehr. Orte wurden lesbar. Gewalt trat hervor. Was als geschlossen erzählt worden war, zerfiel. Die Geschichte wurde größer, widersprüchlicher, untauglich als Sinnstiftung. Diese Arbeiten versuchen nicht, das zu reparieren. Sie verweigern diese Ordnung. Orte wie Butowo oder Ravensbrück erscheinen hier nicht als Vergangenheit, die man betrachten kann. Sie bleiben offen, sperrig, gegenwärtig. Die Collagen und Archivfragmente sind Bruchstücke – Versuche, sich etwas zu nähern, das sich entzieht. Ich stamme aus einer kommunistischen Widerstandsfamilie. Meine Großtante Käte Niederkirchner kämpfte gegen den Nationalsozialismus und wurde 1944 im KZ Ravensbrück ermordet, mein Urgroßvater war in den frühen Lagern inhaftiert. Sie waren im Widerstand und Opfer der faschistischen Diktatur. Mit diesem Narrativ bin ich aufgewachsen. Zugleich waren sie Unterstützer und Opfer der sowjetischen Diktatur: Kätes Bruder Paul wurde 1938 im Stalinistischen Terror erschossen, sein Vater distanzierte sich von ihm. Dieses zweite Opfer wurde verschwiegen und damit der Widerspruch getilgt. Unter dem Schweigen ließ sich aus den Opfern des KZ ein sinnvolles Narrativ bilden. Ohne das Schweigen zerbricht dieser Sinn in die sinnlose politische Raserei und Gewalt des 20. Jahrhunderts. Nach dem Tod meiner Mutter erbte ich das gesamte Familienarchiv, von dessen Existenz sie mir nie erzählt hatte, und mit ihm alles, was das Schweigen ausgelassen hatte. Ich machte mich auf die Suche in den Archiven. Eine Suche bis heute.
Zellenbau, Ravensbrück